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War Hitler ein Yogi?

 

von Johanna Witt

 

 

 

 

 

 

 

I. Einleitung

 

„War Hitler ein Yogi?“ scheint eine durchaus provokante und mit der Yogaphilosophie unvereinbare Fragestellung in Bezug auf die geschichtliche Entwicklung des Yoga zu sein.

Die renommierte Yogalehrerin und Buchautorin Anna Trökes behauptet ohne nachweisbare Quellen in zwei Ihrer Veröffentlichungen Hitler hätte Yoga verboten. [1]

Diese nicht nachweisbare Behauptung bzw. ungenaue Recherche liegt wohl an der sehr oft nur oberflächlich dargestellten historischen Hintergrundrecherche in Yogabüchern im Allgemeinen. So scheint die Zeit des Nationalsozialismus, fast wie ein blinder Fleck hinsichtlich der geschichtlichen Entwicklung der Yogapraxis in Deutschland. [2]

Tatsache ist, dass zu jener Zeit mehrere Publikationen zum Thema Yoga veröffentlicht worden sind. Darüber hinaus wurden Yogakurse mit Yoga-Praxis kombinierten Vorträgen angeboten und der Begriff „arischer Yoga“ propagiert, indem die Frühgeschichte des Yoga im Sinne des Nationalsozialismus ausgelegt wurde. So legte man den sogenannten „Uryoga“ in die indoarische Frühzeit der vedischen Epoche zurück.[3]

Daher kann von einem Durchbruch des Yoga, wie ich folgenden darstellen werde, nicht erst nach dem Ende des zweiten Weltkrieges ausgegangen werden.

 

II. Adolf Hitler und Eva Braun: Yogi und Yogini?

 

Um feststellen zu können ob Hitler und Eva Braun Yogis waren, muss man sich zunächst einmal fragen was einen Yogi bzw. eine Yogini nach unserem Verständnis ausmacht.

 

Ein Yogi ist jemand, der Yoga übt oder Yoga meistert. Yogi ist ein Sanskrit-Wort und kommt eben von Yoga. Und Yoga heißt Einheit, Verbindung, Yoga ist aber auch jede Praxis, die das Ziel hat, den Menschen die Einheit erfahren zu lassen. So ist also ein Yogi jemand, der entweder Yoga übt, auf dem Weg ist zur Einheit, oder jemand, der Yoga gemeistert hat und in der Einheit ruht. Yogi heißt ja tatsächlich, der aus der Einheit kommt oder in der Einheit ruht oder der zur Einheit gehörig ist. In diesem Sinne, sei ein Yogi, im Sinne von, übe, damit du das Höchste erfährst, und werde irgendwann zum vollständigen Yogi, der die vollkommene Einheit erfährt.

 

Yogischüler werden in drei Grade, bzw. Klassen unterteilt, die erste, zweite und dritte. Yogarudha ist jemand, der den höchsten Gipfel des Yogaberges erklommen hat. Ein Yogarudha ist ein Yoga-Bhrashta, jemand der von Yoga herabgefallen ist. 

Jemand, der alle vorausgehenden Übungen in seinem Vorleben vollendet hat, d.h.:

·       Yama (die Haltung, die wir gegenüber dem Außen einnehmen)

·       Niyama (die Haltung, in der wir uns nach Innen orientieren)

·       Asana (Haltungen)

·       Pranayama (Atembewusstsein)

·       Pratyahara (Zurückziehung/Auflösung)

 

Das lässt sich festmachen insbesondere an dem Philosophen Schelling, der Mitte des 19. Jahrhunderts bereits Yoga klar definiert hat als Innigkeit, als Zurückziehen der Sinne, den Blick von den äußeren Dingen abziehen. Yoga leitet sich von Joch ab, das heißt, es geht um die Vorstellung, dass man die Kräfte bündelt, fokussiert, konzentriert, auf ein Ziel zusteuert. Die klassische Definition, etwa 2000 Jahre alt, bedeutet: Das Zur-Ruhe-Bringen der Bewegungen des Geistes.

Schelling meint hier jedoch auch jede Innigkeit, die auch im Handeln besteht und ein Tätigsein im Sinne des Karma Yoga meint.

Ohne tiefergehender auf die oben genannten Aspekte einzugehen, wird schon durch die Ausdrucksweise ersichtlich, dass es allein mit ein paar „Gymnastikübungen“ die Asanas ähneln niemand zum Yogi / Yogini wird. Gerade das „zur Ruhe kommen“, war wohl keine von Hitler hervorstechenden Charaktereigenschaften.

Der innere Weg ist ausschlaggebend und viel wichtiger als die „perfekte“ Ausführung der Asanas.

Es gibt Bilder die Eva Braun bei Gymnastik bzw. Yoga-Übungen zeigen. So ist sie z.B. hier im ganzen Rad zu sehen:

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Hierbei könnte es sich jedoch auch um normale Gymnastikübungen handeln.

Das Eva Braun zudem meditiert, Atemübungen durchgeführt oder ähnliches praktiziert hat, was auf eine Yoga Praxis zurückzuführen wäre, ist historisch nicht dokumentiert worden.

 

Von Hitler existieren keine Aufnahmen in Asana ähnlichen Positionen, jedoch könnte sein angeblicher Vegetarismus ein Hinweis darauf sein, dass er sich zumindest mit einem Teil der Yogaphilosophie identifiziert haben könnte.

 

Jedoch existieren mehrere Aussagen von Köchen und Menschen aus seinem persönlichen Umfeld, wonach Hitler gerne Schinken, Weißwürste und Leberknödel aß und sich lediglich auf Anraten seines Arztes sich vegetarisch zu ernähren dafür entschied, da er zu Blähungen, Magenschmerzen und starker Transpiration neigte.[4]

 

Somit scheint auch hier eine Identifizierung mit der Yoga Philosophie ausgeschlossen. Zudem müsste zunächst darüber argumentiert werden, ob Vegetarismus eine Grundvoraussetzung für eine Lebensweise nach dem Yoga Sutra darstellt bzw. ob das Yoga Sutra der Anlass sein muss sich vegetarisch zu ernähren oder auch andere Gründe als ausreichend zu erachten wären. Dies wäre hier zu ausschweifend. Es ist vorwegzunehmen: Hitler und Eva Braun waren keine Yogis. Jedoch möchte ich im weiteren Verlauf auf die Überschneidungen des Nationalsozialismus und des Yoga Sutra eingehen um aufzuzeigen, dass es trotz der zunächst hervorspringenden Widersprüchlichkeit Teile aus dem Yoga Sutra gab, die die Nazis als Inspiration, Motivation oder als Gewissenserleichterung missbraucht haben.  

 

 

 

 

III. Die Swastika Symbole vrs. Hakenkreuz:

Sonnensymbol der Hindus und Buddhisten oder Propagandamittel der Nationalsozialisten?

 

In der deutschsprachigen Yogaszene werden zweierlei Meinungen vertreten.

 

1.  Das Symbol wurde von den Nazis für Propagandazwecke missbraucht.

2. Der Swastika wurde falsch dargestellt, nämlich mit den Enden nach rechts und somit nach rechtsdrehend. Somit hätte sich das missbrauchte Symbol destruktiv ausgewirkt und der Untergang des dritten Reiches wäre dadurch bereits absehbar gewesen.

 

Beide Behauptungen treffen nicht zu.

 

Im Hinduismus und Buddhismus hat das Kreuz oft fröhliche Farben, ist bunt verziert und wird auch mit anderen Symbolen kombiniert. In Indien steht der rechtsdrehende Swastika für Sonnenaufgang und der linksdrehende für Sonnenuntergang. Die zentrale Bedeutung in allen Kulturen ist stets Glück, Heil, Sonne

 

Das Symbol war seit sechstausend Jahren auf vier Kontinenten nachgewiesen. Adolf Hitler bezog sich explizit auf das Symbol der völkischen Bewegung und der Ariosophen, die er als germanische Rune und im antisemitischen Sinn verwendete. Er veranlasste die Verwendung des Swastika ab 1920 auf dem Parteibanner und ab 1935 auf der National- und Handelsflagge des Deutschen Reiches.

 

 

 

 

IV. Die Bhagavad Gita als Rechtfertigung für Massenmord

 

Die Bhagavad Gita ist eine der zentralen Schriften des Hinduismus. Sie hat die Form eines spirituellen Gedichts. 

 

Es handelt sich um eine Selbstoffenbarung Krishnas, des Kriegsgottes, der sich vor Beginn eines großen Krieges, welchen das Mahabharata ausführlich beschreibt, auf dem Schlachtfeld von Kurukshetra dem Fürsten Arjuna als göttliches oder kosmisches Selbst zu erkennen gibt. Krishna belehrt zudem die achte Inkarnation des Hochgottes Vishnu, den am Kriege zwelfelnden Krieger Arjuna.

 

So lehrt er ihm, dass er den ewigen und unsterblichen Geist oder das Selbst (atman) gar nicht töten kann, sondern nur den ohnehin vergänglichen realtiv wertlosen Körper. [5]

 

Die in der Bhagavad Gita propagierte Kriegerethik kam Himmler als einer der Hauptverantwortlichen für den Holocaust,  sehr gelegen.

 

Heinrich Himmler hat bei zahlreichen Treffen mit seinem damaligen Masseur Kersten auch die ins Deutsche übersetzte Ausgabe der Bhagavad Gita immer dabei. Da die von ihm benutzte Ausgabe nicht größer als eine Postkarte war und lediglich 142 Seiten umfasste, passte sie in die Jackentasche seiner schwarzen SS-Uniform.

Im Gespräch mit Therapeut Kersten offenbarte der Reichsführer-SS seine Faszination für das vierte Kapitel mit der Überschrift: „Dschnjana Yoga – Das Buch von der religiösen Erkenntnis“. Eine Passage daraus sollte Kersten abschreiben: „Zum Schutz der Guten, aber zum Verderben der Bösen, komm ich mitten unter sie, den Weg zu lehren, der zum Heil führt.“ Und weiter: „Doch kann mein Werk mich nimmer mehr beflecken, ich hege kein Verlangen nach Gewinn.“ Dass sein Werk ihn nicht beflecken kann und er „zum Verderben der Bösen“ seine Pflicht tat, war Balsam für Himmlers Seele.

                                           

Möglicherweise war es Jakob Wilhelm Hauer, der Heinrich Himmler für die Bhagavad Gita begeisterte. Der einflussreiche Gelehrte, auf dessen Werke noch heute Bezug genommen wird, machte Yoga mit seinen Schriften und in Vorträgen, unter anderem in der Berliner Lessing-Hochschule in der Keithstraße, kompatibel zur Ideologie des Nationalsozialismus. Seine Veröffentlichung zur Bhagavad Gita aus dem Jahr 1934 nannte er programmatisch „Eine indoarische Metaphysik des Kampfes und der Tat“. Darin führt er etwa aus: „Es ist bezeichnend für indogermanisches Seelentum, dass gerade an dem Widerstreit von Kriegerpflicht und Liebe zum eigenen Blut der Pflichtenkonflikt des Lebens gestaltet wird.“

 

Hauer war SS-Hauptsturmführer und Mitglied des Sicherheitsdienstes der SS, er verfügte über gute Kontakte zu Himmler, aber auch zu SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich sowie Alfred Rosenberg, dem führenden Ideologen der NSDAP und Leiter des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete, der sich ebenfalls durch hinduistische Schriften inspirieren ließ. Diese Kontakte nutzte Hauer stets zu seinem Vorteil, und er denunzierte unliebsame Kollegen wie den Gründer der Anthroposophie Rudolf Steiner. In mehreren Schreiben beschwerte er sich etwa darüber, dass noch immer Werke Steiners in Buchläden im Schaufenster lägen.

Es könnte aber auch der italienische Kulturphilosoph Julius Evola gewesen sein, der Himmler den entscheidenden Impuls gab, sich der Bhagavad Gita anzunehmen. Fakt ist, dass Evola im Juni 1938 in den Räumen der Deutsch-Italienischen Gesellschaft in der Uhlandstraße 171/172 einen Vortrag in Anwesenheit mehrerer SS-Offiziere über die „Arische Lehre des heiligen Kampfes“ hielt.

Darin heißt es in Bezug auf die Bhagavad Gita: „Das Mitleid, das den Krieger Arjuna davon abhält, gegen den Feind ins Feld zu ziehen, wird von dem Gott Feigheit, unwürdig eines Edlen und vom Himmel entfernend“ genannt. Die Verheißung lautet: „Getötet, – wirst Du das Paradies haben, siegreich, – wirst Du die Erde haben. Deshalb stehe entschlossen auf zur Schlacht.“ Himmler nahm dies interessiert und wohlwollend zur Kenntnis, wie aus einem Brief vom Persönlichen Stab des Reichsführers-SS an das Ahnenerbe e. V. hervorgeht.

Im besagten vierten Kapitel fand Himmler Verse, die seine Grausamkeiten, seine Befehle zum Massenmord legitimierten. Seine SS-Totenkopfverbände, die er als spirituellen Orden geformt hatte, sollten so „kühl und nüchtern“ und letztlich gewissenlos handeln, wie es der Gott Krishna in der Bhagavad Gita dem am Sinn des Krieges zweifelnden Krieger Arjuna nahelegt. Bereits 1925 hatte Himmler notiert: „Kshatriya-Kaste, das müssen wir sein. Das ist die Rettung.“

Die geistige Ausrichtung der SS im Sinne einer Kriegerkaste lag Himmler sehr am Herzen. In seinen nunmehr bekannten und veröffentlichten „Geheimreden“ kam er immer wieder darauf zu sprechen. Da ist vom „heiligen Feuer und heiliger Pflichterfüllung“ die Rede, von den „höheren menschlichen Werten“ und von der Ausrottung der Juden, „ohne einen Schaden an Geist und Seele erlitten“ zu haben. Mehrfach betont Himmler, dass seine „anständigen SS-Männer (...) in ihrer Anständigkeit bereitwillig und opferwillig ihren Dienst gemacht haben“. Ihm gehe es vor allem um die „weltanschauliche und überzeugungsmäßige Erfüllung der Herzen“. Wie aus den Gesprächs Mitschriften des Therapeuten Felix Kersten hervorgeht, plagten Himmler wegen der von ihm erteilten Befehle zuweilen Gewissensbisse. Die Bhagavad Gita half ihm darüber hinweg. [6]

Auch der Gedanke aus der Bhagavad Gita, dass man seine Pflicht zu erfüllen hat, ganz im Sinne des Dharma, und dass man sich von seiner Tat abkoppeln soll. Angesichts des Genozids und des Krieges war es für einen Massenmörder wie Himmler eine Wohltat, in einem „heiligen“ Buch, das die Ethik der Kshatriya-Kaste propagiert, zu lesen, dass es eine erstrebenswerte Lebensaufgabe ist, aus seiner Pflichterfüllung heraus zu kämpfen und zu töten, aber sich dafür nicht verantwortlich zu fühlen, weil es um etwas Höheres, um eine höhere Ordnung geht. Himmler äußerte sich sogar dahingehend, dass es nach dem Krieg Meditationszentren geben sollte, wo die Führungskräfte des Nazireichs sich zum Retreat einzufinden hätten, um bei Schwarzbrot und Buttermilch sich meditierend selbst zu finden. Die SS sollte nicht nur eine eiskalt kämpfende und mordende Sturmstaffel sein, sondern auch ein spiritueller Orden. [7]

 

Dieser Passus aus dem vierten Kapitel der Bhagavad Gita über das unbefleckte Handeln faszinierte Himmler wohl am Meisten:

„Der Mensch (welcher Yoga praktiziert) bleibt im Handeln vom Handeln unbefleckt, wie das auf dem Wasser schwimmende Lotusblatt mitten im Wasser von Wasser unbenetzt bleibt…der wahre Yogi, d.h. der Eingeweihte dieser höheren Lehre, hat diesen Gegensatz überwunden… [8]

Aufgrund seiner schriftlichen und mündlichen Äußerungen ist daher davon auszugehen, dass Heinrich Himmler die Gita zur Gewissenserleichterung missbrauchte.

„Ein großartiges Buch. Man braucht solche Bücher. Sie bestärken einen in dem, was man instinktiv fühlt und sich verbildet und verzogen nicht denken traut. Kschatrijakaste, das müssen wir sein. Das ist die Rettung.“ [9]

Albert Schweitzer kommt in seinem 1935 geschriebenen Werk über die Weltanschauung der indischen Denker zu einer sehr kritischen Einschätzung der ethischen Wertvorstellungen, wie sie in der Gita zu finden sind. Er schreibt: 

„Weil sich in ihr so wunderbare Sätze von der innerlichen Losgelöstheit von der Welt, von der hasslosen und gütigen Gesinnung und von der liebenden Hingebung an Gott finden, pflegt man das Nicht-Ethische, das sie enthält, zu übersehen. Sie ist nicht nur das meistgelesene, sondern auch das meist idealisierte Buch der Weltliteratur.[10]

 

 

V. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Ideal der ICH Auflösung in Bezug auf den Nationalsozialismus

Das eigene ICH willig unterzuordnen und zum Opfer bringen, ist eine Maxime, ein Ideal, von dem in Yogakursen sowie in der Yogaliteratur oft die Rede ist. So z.B. Dr. Dirk Glogau: „Wer der personalen Eingrenzung entsteigt, erfährt sich als Wesensgrund, der keine Formen kennt.“ [11]

Das Ideal der Ich- Auflösung, das auch in der Meditation eine wesentliche Rolle spielt, bietet daher neben den positiven Aspekten (Gewaltfreiheit) ahimsa und dem Gefühl des Verbundenseins mit allen Lebewesen zugleich die Möglichkeit, daraus die Forderung einer bedingungslosen Selbstaufgabe zugunsten einer höheren Instanz, einer höheren Sache abzuleiten, wie dies während der NS Zeit geschah.

Der Einzelne hat sich demnach dem Ganzen zu opfern; sprich im Krieg für das Vaterland und den Führer das eigene Leben und das Leben von anderen als unbedeutend bzw. wertlos zu erachten.[12]

Eine ethische und spirituelle Auslegung widerspricht jedoch einer Gleichsetzung von Unterordnung im Sinne eines Krieges mit der Unterordnung des Schülers an den Lehrer. Sonst müsste man dogmatisch jeden Schullehrer mit Hitler gleichsetzen und jeden Schüler vom freien Denken lossprechen. Auch der Yogaschüler sollte kritisch mit dem neugelernten umgehen und somit seinen eigenen Stil in Anlehnung an seinen Lehrer erarbeiten.

 

 

 

VI. Yogaverbot unter Hitler?

Boris Sacharows gründete 1921 die „Erste Deutsche Yogaschule (EDY).“  Diese bestand bis 1945, als sie durch das Kriegsgeschehen in Berlin vollkommen zerstört wurde. Nach der Flucht nach Bayreuth gründete Boris Sacharow dort seine „Schule für Indische Körperertüchtigung“ neu und hielt dort die ersten VHS-Yogastunden und Yogavorträge ab. 1946 benannte er seine Schule in „Erste Deutsche Yogaschule“ um.

Die Annahme das Hitler somit Yoga verboten oder unterbunden hätte wie z. B. von der Autorin Anna Trökes in der spirituellen Zweitschrift SEIN [13]  behauptet, entbehrt jeder historischen Grundlage.

 

Des Weiteren existierte das Vereinslokal der Esoterischen Gesellschaft in Berlin Mitte, welches mehr als 300 Mitglieder aufwies.[14] Hier war Peryt Shou der 1. Vorsitzende. Im ersten, in der Zeitschrift „Die weiße Fahne“, abgedruckten Veranstaltungshinweis, wurde für den 14. Mai 1928 ein Vortragszyklus von Peryt Shou angekündigt in dem es um Praktische Yoga Übungen, Nerven Ruhe, und Selbstdisziplin gehen sollte. Und auch im September wurde zu vier praktischen Kursabenden eingeladen. Auch wurden dort Vorträge über „Der Yogapfad zu Erlösung vom Leid und Misserfolg mit anschließender Meditation“ eingeladen.

Eine deutschlandweite Tournee und Kurse bis zum Jahre 1940 fanden regen Anklang und sind in nicht nachweisbar jemals vom NS Regime boykottiert oder verboten worden.

An diesen zwei Beispielen, denen man noch zahlreiche andere hinzufügen könnte kann aufgezeigt werden, dass Yogaphilosophie, Yogapraxis, Meditation oder auch das Autogene Training (welches seit dem 1. Weltkrieg als Trauma Therapie für traumatisierte Soldaten eingesetzt wurde) und auch andere spirituelle Denkweisen Hitler überlebten.

 

 

 

 

VI. Fazit

Wir brauchen eine kritische Yoga-Rezeption, die den Mut hat, sich auch mit den dunklen Seiten dieser Tradition auseinanderzusetzen. Dabei muss es um Aufklärung in Bezug auf die Geschichte des Yoga sowie auch die gegenwärtige Yoga-Szene gehen.

Die Verstrickung von Yoga und politischer Gewalt endet nicht mit dem Ende des dritten Reiches.

Es gibt aktuelle Beispiele dafür, wie Yoga dazu benutzt wird, Gewalt zu rechtfertigen. Als Reaktion auf 9/11 publizierte der Yogagelehrte Georg Feuerstein, der zahlreiche Lehrbücher, die heute noch in Yogaschulen empfohlen werden, herausgegebene hat, einige Texte, die den Krieg im Irak als den Kampf gegen das Böse legitimierten.

Auch er argumentierte mit Versen aus der Bhagavad Gita. Zudem bezieht sich Feuerstein seit vierzig Jahren unkritisch auf die Arbeiten des Indologen und SS-Hauptsturmführers Jakob Wilhelm Hauer.

Noch eklatanter ist, dass Hindunationalisten während der anti-muslimischen Unruhen im indischen Bundesstaat Gujarat[15], bei denen mehr als 2.000 Menschen getötet wurden, die Veden rezitierten. Direkt vor dem Blutbad wurden die gleichen Mantren angestimmt, wie sie auch in religiös orientierten Yogaschulen gechantet werden.

Somit stellt sich auch hier wieder die Frage, ist dies mit dem Yoga Sutra vereinbar? Muss ich die Meinungen von prominenten Yogalehrern unreflektiert übernehmen?

Eine Antwort darauf, habe ich im Buch: Herz des Yoga von Max Strom gefunden:

Die Lehren des Buddhas sagen nicht, wenn du nicht kriegst, was du willst, mach mehr Druck. Aus spiritueller Sicht lässt es sich daher in keinem Fall als angemessenes Verhalten rechtfertigen, jemanden unter Druck zu setzen. Der Zweck heiligt nicht nach der Lebensphilosophie der Nationalsozialisten die Mittel. In einem ethisch geführten Leben sind die Mittel so wichtig wie die Absicht und das Resultat.: sie sind nicht voneinander zu trennen.

Die Gegenwart ist es, in der wir unsere Mittel in Handeln umsetzen.[16]

 

Somit ist es von großer Wichtigkeit, offen darüber zu diskutieren, wie die absolute Hingabe des Schülers an den Meister in Bezug auf die Yogalehrer Ausbildung zu sehen ist. Denn auch in jüngster Vergangenheit gab es immer wieder Fälle von sexuellen sowie emotionalem Missbrauch. [17]

Daher ist eine historisch kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte sowie der heutigen Interpretation des Yoga unabdingbar, um seelische Verletzungen insbesondere in der Schüler- Lehrer Beziehung zu vermeiden.

 

 

 

 

 

 



[1] „Yoga. Was Sie schon immer wissen wollten”, Thesus Verlag 2005 sowie Magazin SEIN, November 2008.

[2] Yoga im Nationalsozialismus. Konzepte, Kontraste, Konsequenzen, Ludwig 2014, S. 12.

[3] Siehe z.B. Hauer: Der Yoga, S.19f.

[4] Vgl: www.eco-world.de zur Ausführlichen Diskussion

[5] Vgl. Yoga, Tradition und Erfahrung, TKV Desikachar.

[6] Der Tagesspiegel, Yoga unter dem Hakenkreuz, 10. November 2012.

[7] Vgl.: Zeit – Online, Interview mit Mathias Tietke, Yoga zur Zeit des NS, 3. April 2012.

[8] Baier: Yoga auf dem Weg nach Westen, S.102.

[9] Yoga im Nationalsozialismus.  Konzepte, Kontraste, Konsequenzen, Mathias Tietke, Ludwig 2014, S.248.

[10] Albert Schweitzer: Die Weltanschauung der indischen Denker (Nachdruck der 3., auf Grund der engl. Ausgabe von 1935 neu gefassten Ausgabe 1965). Beck, München 1987.

 

[11] Deutsches Yoga Forum, Heft, 2, 2013, Seite 37.

[12] Yoga im Nationalsozialismus.  Konzepte, Kontraste, Konsequenzen, Mathias Tietke, Ludwig 2014, S. 22.

[13] Zeitschrift SEIN, Die Geschichte des Yoga, 1. November 2008.

[14] Zeitschrift Psyche für des gesamte Okkultismus und alle Geheimwissenschaften, Jg.5, Heft 12, S.412f.

[15] Vgl: Spiegel-Online, Blutrausch wie im Mittelalter, 06.05.2002.

[16] Vgl: Das Herz des Yoga, Max Strom, 2011.

[17] Vgl. z.B.: Fokus Magazin Nr.11, Sieben Orgasmen in Folge, 2012.